Wassergeflüster

Für Helden zu viel

18. Oktober 2014, by Wassergefluester, category Leseproben

 

“Für Helden zu viel” von Elke Riedel

Ein Stall. Drei Reihen. Achtundsechzig Stück Vieh. Und ich bin die Erste, gleich rechts neben der Stalltür. Der Boden ist vom Wasser verdeckt. Warum das so ist, wissen wir nicht. Das Heu liegt vor uns und wir kauen genüsslich, denn wir sind Wiederkäuer. Acht bis elf Stunden am Tag. Das tun wir richtig gerne. Nur der Regen nervt. Das Trommeln auf dem Dach geht einem gewaltig auf die Hörner. Das stetige Prasseln ─ Tag und Nacht ─ ist eine leise Folter für die Nerven. Man ist doch schließlich auch nur eine Kuh.

Langsam steigt der Wasserpegel.

Ein Wasserschaden. Eindeutig. Der Bauer kommt. Normalerweise muhe ich ihn zur Begrüßung freundlich an: „Na, Bauer, wie geht’s?“ Aber heute brennt mir eine existenzielle Frage unter den Klauen: „He, Bauer, warum ist es heute so nass?“ Der Situation entsprechend ist mein Ton schärfer und lauter als an trockenen und leisen Stalltagen. Er versteht mich nicht. Er denkt, ich muhe aggressiv herum. Das Wasser steht mir bis zur Keule. Er geht wieder. Ich sehe, dass er keine Problemlösung hat. Das macht mich nervös. Das trübe Wasser ist kalt, es ist dreckig und es ist voller Würmer. Es stinkt. Meine Kolleginnen in der ersten Reihe werden unruhig und ungehalten. Die ersten Dramaqueens ziehen an den Ketten hin und her. Kühe sind stark. Eisen ist stärker. Ein sinnloses Bemühen. Ich will nicht behaupten, dass Kühe grundsätzlich wasserscheu sind, aber Fakt ist: Kühe baden nicht gerne.

Der Bauer kommt wieder. „Na, Bauer, Leck entdeckt?“ Wieder keine Antwort. Typisch. Mit seinen gekrümmten Beinen stiefelt er durch den aufgeregten Stall. Liebevoll klatscht er mit der flachen Hand ein paar von uns kräftig auf die Hinterbacken. Sagen tut er nichts. Schüttelt nur immer wieder den Kopf. Das Wasser umspielt bereits meinen Bauch. Angenehm ist anders. Da kommen die Söhne des Bauern zu uns. Die Damen aus der mittleren Reihe packt nun auch die Panik. Sie scharren unruhig und muhen durcheinander. „Bringt uns raus!“, muhe ich die Bauersleute an. Laut und immer wieder. Verstehen tun sie mich nicht, deswegen vermute ich, dass es der bäuerliche Instinkt ist, der sie reagieren lässt. Sie binden uns los. Der Plan: Verlasst das sinkende Schiff. Frauen und Kinder zuerst.

Ich kann die Kälber nicht mehr hören. Wenn ich mich ganz fest anstrenge, kann ich meinen Hals soweit nach vorne strecken, dass ich einen Blick auf die Kalbboxen werfen kann. Doch was ich sehe, lässt ein Mutterherz schneller schlagen. Die Boxen stehen beinahe gänzlich unter Wasser und von den Kälbern ist nichts mehr zu sehen. Adrenalin jagt mir durch die Glieder. Dann setzt sich die naive Idee in meinem Verstand fest, dass einer der Bauersleute die Kälber unbemerkt aus dem Stall gebracht hat. Faktisch ist nun festzustellen: Übrig sind nur wir Frauen. Panisches Weibsvolk, um genau zu sein. Zivilisiert der Reihe nach – gilt nicht mehr. Mir hätte diese Idee gut gefallen, als Erste gleich rechts neben der Stalltür, doch die anderen dummen Kühe verhalten sich allzu animalisch und stürmen eine über die andere dem Bauern hinterher, der schon zur Stalltür hinaus ist. Die gute Kinderstube wirft jede über Bord, schließlich steht das Wasser bis zur Wampe.

Der bauchhohe Wasserspiegel macht uns Kühe noch grobmotorischer, als wir es naturgemäß sind. Ich überblicke die Szene und erkenne, dass in ein paar Sekunden das wilde Drängeln an der Stalltür beginnen wird. Die Aussicht auf ein stressfreies Entkommen versickert wie ein Spritzer Milch im Heu. Da ist zu viel Fluchtpanik an diesem Tor und ich entscheide mich für Tor Nummer 2, das breitere Stalltor am anderen Ende.

 

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