Wassergeflüster

Heute mal nicht Kafka

28. November 2014, by Wassergefluester, category Leseproben

“Heute mal nicht Kafka” von Melanie Pflamminger

Es war die typische Reizwortgeschichte: Junge – Ball – Auto. Und der Lehrer blickte mit versteinerter Miene durch das Fensterglas. Warum wir Elftklässler diesen kindischen Arbeitsauftrag bekamen? Ich weiß nicht. Vielleicht erträgt man Kafka nur, wenn einem die Welt um einen herum rosig erscheint. Doch heute war keiner dieser unbeschwerten Tage, kein ganz normaler Dienstagmorgen. Es sollte jener Tag sein, an dem wir unser Haus der Flut überließen und ich meiner kleinen Schwester das Herz brach. Die Stifte der anderen kratzten förmlich in meinen Ohren, pulten die Nervosität und Hektik dieser Woche für jeden sichtbar hervor: Ich biss mir auf die Lippen, schabte mit den Zähnen einzelne trockene Hautfetzen in meinen Mund und kaute auf ihnen wie auf einem alten Kaugummi, der schon längst seinen Geschmack verloren hat. Doch die grinsende Miene meines Banknachbarn ließ mich verlegen innehalten. Roter Ball und rotes Auto. Ich sah beide förmlich vor mir. So rot wie das Häschen meiner kleinen Schwester. Ich kritzelte gedankenverloren ein paar Fahrzeuge auf das Blatt Papier, das ansonsten unbeschrieben war und in seinem hellen Weiß fast spöttisch vor mir lag. Der ermahnende Blick des Lehrers, ein verständnisloses „Ach, Lukas!“, mehr noch: sein Finger auf meinen kleinen Zeichnungen sollten mich zur Konzentration bewegen. Junge – Ball – Auto. Und ein Kuschelhase, den man aus seiner Wohnung warf. Dann endlich das Klingeln zum Schulschluss. Mama empfing mich schon auf dem Pausenhof. „Es geht los. Evakuierung.“ Ihre Hand auf meinem Rücken schob mich dem Auto entgegen.

„Susi hab ich schon zu Oma und Opa gebracht.“ Unsere Sachen müssen wir auch noch dorthin schaffen, dachte ich nur. Meine Großeltern wohnen in der Hirzau. Wenn man dort nicht vor dem Wasser sicher ist, dann wohl nirgends. Es ist ein kleines Haus, aber ich mag es. Immer erinnert es mich an Omas Kartoffelknödel, die stets in dicker, dunkler Soße schwimmen und uns Kindern schon so oft zu Mittag aufgetischt wurden. Ich werde dort eigentlich ständig für meinen guten Appetit gelobt. Aber das war es dann auch schon. Gute Noten, fleißig im Haushalt und ein herausragendes Hobby – das alles ist nichts für mich. Meine kleine Schwester, Susi, ist da ganz anders. Ständig steckt sie ihren Kopf in irgendwelche Bücher, geht reiten und spielt Klavier. Oder sagen wir besser, sie lernt es gerade. Sie ist ein wirklich einzigartiges Mädchen, begegnet allem und jedem mit höchstem Interesse und, ja, mit fast schon lächerlicher Fürsorge. Da ist beispielsweise ihr liebstes Plüschtier, ein besonders langohriges, rotes Häschen. Wie einen kleinen Schatz bewahrt Susi es seit jeher in einer Truhe auf. Diese hatte sie liebevoll in eine Wohnung verwandelt: ein Buch diente als Bett, eine von Opas alten Zigarrenschachteln wurde zum Nachtschränkchen umfunktioniert und Mamas Kosmetikspiegel bekam die Rolle eines Schminktisches zugewiesen. Die Innenwände der Truhe waren mit einigen Fotos beklebt, die wir in unserem letzten Kroatienurlaub geschossen hatten. Der Kiesstrand, das Meer und ein Teller Cevapcici wurden so zu jener idealisierten Außenwelt, mit der echte Öffnungen in den Truhenflanken dem roten Häschen gar nicht erst hätten aufwarten können. Opas Vorschlag, den Hasen in ein von ihm selbst angefertigtes Puppenhaus umziehen zu lassen, musste so unweigerlich am Schmollmund meiner kleinen Schwester und einem entschlossenem „Man hat nur ein Zuhause“ scheitern. Nur die Truhe war für ihren kleinen Freund gut genug. Und einmal am Tag, immer vor dem Schlafengehen, sah sie dort nach ihrem Häschen. Oma machte uns mit Streichwurst und Essiggurken belegte Brötchen, während wir den Dachboden in Besitz nahmen. Es war eng und altmodisch dort droben. Doch das Familiäre machte dies wieder wett. Manchen ging es anders. Die fanden keine Zuflucht bei Verwandten oder Freunden. Die mussten einfach in Sammelunterkünfte. Wenn man dagegen ganz im Privaten zusammensitzt, während Frau H., eine unserer Nachbarn, immer noch über ihren Sohn wettert, der das Kinderzimmer seines Neugeborenen nicht freiräumen will, wird man wohl unvermeidlich zum Verräter.

 

…wie es weiter geht erfahren Sie Anfang Dezember im Buch!

Teile mit deinen Freunden...Email this to someoneShare on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Pin on PinterestShare on LinkedIn

So, what do you think ?

  • *