Wassergeflüster

Zusammenrücken

2. November 2014, by Wassergefluester, category Leseproben

“Zusammenrücken” von Edith Anna Polkhen

Tagebucheintragungen Mai/Juni 2013

Seit Wochen regnet es.

Der Boden scheint das Wasser gar nicht mehr aufnehmen zu können. Sogar mein Garten ist voller sumpfiger Wasserpfützen, obwohl unser Grundstück weit oben an einem Hang liegt. Wir im Ortsteil Scheuering sind vor jedem Hochwasser sicher, aber trotzdem schalte ich das Radio bei den Nachrichten lauter und schaue mehrmals täglich die aktuellen Meldungen zu den Pegelständen des Hochwassers im Internet an.

Aber nun ist es passiert. Das, was alle befürchtet haben, ist passiert.

Fischerdorf ist geflutet. Ein Damm hat den Wassermassen nicht standgehalten. Wie ein Schwimmbecken ist das eingedeichte Gebiet vollgelaufen, und in der Hauptstraße von Fischerdorf steht das Wasser weit über zwei Meter hoch. Wir persönlich haben keine Freunde oder Verwandten dort, aber man kennt doch diesen oder jenen. So nah war eine Katastrophe noch nie. Das Leid, das über unsere nächsten Mitmenschen hereingebrochen ist, trifft auch mich ins Herz.

Inzwischen sind die Autobahnen gesperrt und liegen unter Wasser. Wir fühlen uns von der Welt abgeschnitten, zwischen uns und den anderen liegen viele Quadratkilometer Wasserfläche. Genau so groß wie der Tegernsee sei das überschwemmte Gebiet, neun Quadratkilometer ungefähr, höre ich. Ich kann und will mir das nicht vorstellen. Insgesamt sind wohl mehrere Tausend Menschen betroffen, heißt es. So viele?

Die Fluthelfer sind erschöpft. Sie arbeiten bereits seit vielen Tagen. Erst mit Sandsäcken an den undichten Deichstellen, beim Errichten der Hilfsdämme, dann beim Evakuieren. Die Helfer vor Ort müssen einiges aushalten: wenig Schlaf und viel Leid.

Nach der Wasserflut läuft nun die Spendenflut an, schnell geht das. Im Internet kann man sich für Wohnraum registrieren lassen. Ich habe mich eintragen lassen: die Kinderzimmer und das Bad im Obergeschoß wären zu haben. Kleiderberge und Geschirr, Bettwäsche und ein Fahrrad wandern zur Spendensammelstelle. Vom Konto überweise ich einen größeren Betrag, Geld wird sicher in unvorstellbaren Mengen benötigt. Dennoch: Es befriedigt mich nicht, ich will mich aktiv einbringen.

Sandsäcke leeren? Beim Bergen überschwemmter Gegenstände helfen? Aufräumarbeiten? Nein, das kann ich nicht, das lässt mein Rücken nicht zu.

Dann ein Anruf, genau zu diesem Zeitpunkt, als ob es so sein müsste. Eine Bekannte erzählt mir vom Restaurant Mund-Art in der Ruselstraße in Deggendorf: „Die versorgen die Helfer mit Wurstsemmeln und Kaffee. Ich habe zwei Tage lang mitgeholfen, aber ich muss ja morgen wieder in die Arbeit.“

 

… wie es weiter geht erfahren Sie Anfang Dezember im Buch!

 

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2 Comments

  1. Schirde Carina |

    Spannend- nicht nur für Betroffene. Auch nicht Profi-Literaten können interessant.schreiben! Auf das Buch bin ich schon gespannt.

    Antworten
  2. Schirde Carina |

    Ich habe das Buch als Geschenk erhalten.
    Es ist zweifelsohne sehr lesenswert. Auch die Geschichte “Zusammenrücken” von Edith Polkehn beschreibt sehr gut, was nach der Flut auch von anderen Beobachtern berichtet wurde: In Notfällen wie in diesen überwinden Menschen ihre übliche Zurückhaltung und alle helfen zusammen, ob sie sich kennen oder nicht, ob jung oder alt, ob Fremder oder Nachbar.
    Die Geschichte ” Zusammenrücken” , ein Art Tagebuch , hat mir besonders gefallen.

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